kleine Geschichten - EngelsHaar

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Indische Weisheit

Eines Tages besuchte in Indien ein Hund den Tempel der tausend Spiegel.
Er ging die Stufen des Tempels empor, er geht durch die Drehtür und betritt den Tempel der tausend Spiegel.
Dort sieht er tausend Spiegel, bekommt Angst, knurrt, zieht den Schwanz ein und tausend Hunde knurren zurück
und er verläßt den Tempel in dem Bewußtsein, die Welt ist voller böser Hunde und er hat den Tempel nie wieder betreten.
Vierzehn Tage Tage später kommt ein anderer Hund zum Tempel der tausend Spiegel.
Auch er geht die Stufen des Tempels empor, er geht durch die Drehtür, er betritt den Tempel der tausend Spiegel,
sieht tausend Hunde, freut sich, und wedelt mit dem Schwanz und tausend Hunde freuen sich und wedeln zurück,
und er verläßt den Tempel in dem Bewußtsein, die Welt ist voller freundlicher Hunde.

Zwei Wölfe

Ein alter Indianer saß mit seinem Enkelsohn am Lagerfeuer.
Es war schon dunkel geworden und das Feuer knackte, während die Flammen in den Himmel züngelten.
Der Alte sagte nach einer Weile des Schweigens: "Weißt du, wie ich mich manchmal fühle?
Es ist, als ob da zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander kämpfen würden.
Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv und grausam.
Der andere hingegen ist liebevoll, sanft und mitfühlend.
Welcher der beiden wird den Kampf um dein Herz gewinnen? fragte der Junge.

"Der Wolf, den ich füttere", antwortete der Alte.

Über den Wettstreit zwischen dem Wind und der Sonne

Der Wind und die Sonne stritten sich einmal, wer von beiden stärker sei.
Der Wind schlug einen Wettkampf vor, und da er gerade einen alten Mann die Straße entlanggehen sah, legte er die Bedingungen fest.
Wer dem Mann als erster den Rock vom Leibe zöge, sollte der Sieger sein.
Der Wind blies, blies immer stärker und stärker, bis die Böen Orkanstärke erreichten.
Doch je mehr er blies, desto fester hielt der Mann seinen Rock.
Als der Wind schließlich aufgab, war die Reihe an der Sonne.
Die Sonne schien freundlich auf den Mann, wurde wärmer und wärmer, bis dieser sich die Stirn wischte und schließlich seinen Rock auszog.
Und die Sonne verriet dem Wind ihr Geheimnis: Sanftmut und Liebenswürdigkeit sind stärker als Kraft und Wut.

Mit 40 Jahren schlenderte Franz Kafka (1883-1924), der nie geheiratet und keine Kinder hatte, durch den Berliner Steglitz-Park, als er ein junges Mädchen traf, das sich die Augen ausweinte, weil es seine Lieblingspuppe verloren hatte.Sie und Kafka suchten erfolglos nach der Puppe. Kafka sagte ihr, sie solle ihn am nächsten Tag dort treffen und sie würden wieder suchen. Am nächsten Tag, als sie die Puppe immer noch nicht gefunden hatten, gab Kafka dem Mädchen einen von der Puppe "geschriebenen" Brief, in dem stand: "Bitte nicht weinen. Ich bin auf eine Reise gegangen, um die Welt zu sehen. Ich werde dir von meinen Abenteuern schreiben." So begann eine Geschichte, die bis zum Ende von Kafkas Leben weiterging. Als sie sich trafen, las Kafka seine sorgfältig verfassten Briefe mit Abenteuern und Gesprächen über die geliebte Puppe vor, die das Mädchen bezaubernd fand. Schließlich las Kafka ihr einen Brief mit der Geschichte vor, die die Puppe nach Berlin zurückbrachte, und er schenkte ihr dann eine Puppe, die er gekauft hatte. "Die sieht meiner Puppe überhaupt nicht ähnlich", sagte sie. Kafka übergab ihr einen weiteren Brief, in dem er erklärte: "Meine Reisen, sie haben mich verändert." Das Mädchen umarmte die neue Puppe und nahm sie mit nach Hause. Ein Jahr später starb Kafka. Viele Jahre später fand das nun erwachsene Mädchen einen Brief in einer unbemerkten Spalte der Puppe. In dem winzigen, von Kafka unterschriebenen Brief stand: "Alles, was du liebst, geht wahrscheinlich verloren, aber am Ende wird die Liebe auf eine andere Art zurückkehren."

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